Der Morgen nach unserem Abend in der Stadt begann mit einer friedlichen Stille, die nur vom fernen Läuten der Ziegenbecken in den Hügeln unterbrochen wurde. Isabel schlief noch tief und fest, während ich mich leise auf die Terrasse stahl.
Dort fand ich Mom und Dad. Sie saßen über zwei aufgeklappten Laptops und mehreren Krankenakten, zwei Tassen dampfender Kaffee standen zwischen ihnen. Es war ein faszinierendes Bild: Beide trugen bereits ihre leichten, weißen Arztkittel über ihrer Alltagskleidung, bereit für den Tag.
Dad: „Guten Morgen, Elena. Hast du dich gut erholt? Wir sind gerade dabei, die OP-Pläne für den Vormittag abzugleichen.“
Ich setzte mich zu ihnen. „Guten Morgen. Ich wusste nicht, dass ihr schon so früh anfangt.“
Mom lächelte und schob eine Akte beiseite. „In einer Klinik wie dieser gibt es keinen wirklichen Feierabend, Schatz. Philipp ist der Experte für die Chirurgie, und ich leite die Innere Medizin und die neurologische Nachsorge. Wir ergänzen uns – er repariert, was kaputt ist, und ich sorge dafür, dass der Körper wieder lernt, gesund zu sein.“
Es war beeindruckend zu sehen, wie professionell und konzentriert sie zusammenarbeiteten. In Australien war Mom immer „nur“ meine Tante gewesen, eine Frau, die sich um den Haushalt und den Garten kümmerte. Hier war sie Dr. Jennifer, eine angesehene Ärztin, die mit derselben Autorität sprach wie mein Dad.
Isabel kam kurz darauf ebenfalls dazu, noch etwas zerzaust, aber sofort hellwach, als sie die beiden in ihren Kitteln sah. „Wow, Jennifer, Philipp… ihr seht aus wie aus einer Krankenhausserie entsprungen. Nur viel schicker.“
Mom lachte. „Das ist der Alltag hier, Isabel. Aber heute nehmen wir uns die Zeit, euch alles zu zeigen. Wir wollen, dass ihr versteht, warum wir diesen Ort so lieben.“
Kurz bevor wir aufbrachen, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Alec. Er hatte mir ein kurzes Video geschickt, in dem er im Studio stand, die Kopfhörer auf den Ohren, und konzentriert in ein Mikrofon sang.
Alec: „Der Rhythmus hier ist wahnsinnig, Elena. Aber mein eigener Herzschlag passt sich immer deinem an, egal wie weit weg du bist. Ich hoffe, dein Dad und deine Mom lassen dich heute mal kurz durchatmen. Ich liebe dich.“
Ich zeigte das Video meiner Mutter. Sie betrachtete Alec auf dem kleinen Bildschirm und lächelte wehmütig.
Mom: „Er hat diese Hingabe in den Augen, die Philipp und ich auch hatten, als wir anfingen. Medizin ist eine Kunst, genau wie Musik. Man braucht Leidenschaft, um darin gut zu sein.“
Die Fahrt zur Klinik dauerte nur zehn Minuten. Das Gebäude thronte auf einem Felsvorsprung über dem Meer, modern, lichtdurchflutet und strahlend weiß. Als wir eintraten, war die Atmosphäre sofort spürbar: Es roch nach Desinfektionsmittel und frischen Blumen.
Das Personal grüßte meine Eltern mit einer Mischung aus tiefem Respekt und herzlicher Vertrautheit. „Guten Morgen, Frau Doktor. Guten Morgen, Herr Doktor“, tönte es aus allen Ecken.
Dad: „Kommt mit. Wir zeigen euch zuerst die gemeinsame Station, die wir beide leiten. Es ist das Herzstück der Klinik.“
Als ich hinter ihnen durch die automatischen Türen schritt, fühlte ich mich zum ersten Mal nicht mehr wie die kleine Elena aus Melbourne, die ihre Eltern suchte. Ich fühlte mich wie die Tochter zweier Menschen, die ihr Leben dem Dienst an anderen gewidmet hatten – und ich platzte fast vor Stolz.

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