Die Sonne war bereits hinter dem Horizont versunken und hatte den Himmel in ein tiefes Violett getaucht, als Isabel und ich uns auf den Weg in die Altstadt machten. Nach der emotionalen Ankunft bei meinen Eltern brauchte ich dringend einen Moment mit meiner besten Freundin. Mom und Dad hatten uns mit einem Lächeln und den Worten „Kommt nicht zu spät nach Hause“ verabschiedet, fast so, als hätten sie die letzten zwanzig Jahre nie verpasst.
„Elena, sieh dir das an“, hauchte Isabel, als wir die gepflasterten Gassen der Plaka betraten. Überall hingen Lichterketten zwischen den weißen Häusern, und der Duft von frischem Oregano und gegrilltem Fleisch lag so schwer in der Luft, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief.
Wir suchten uns einen kleinen Tisch in einer Taverne, deren blaue Holzstühle fast direkt auf der Gasse standen. Eine alte Weinrebe rankte sich über uns und spendete Schatten vor den warmen Laternen.
Isabel: „Okay, Hand aufs Herz. Wie fühlst du dich? Wir sitzen hier in Griechenland, dein ‚Onkel‘ ist dein Dad, deine ‚Tante‘ ist deine Mom und sie leiten hier einfach mal so eine ganze Klinik zusammen.“
Ich seufzte und strich über die raue Tischdecke. „Es ist surreal, Isa. Wenn ich sie ansehe, sehe ich Grace und William vor mir. Ich fühle mich fast schuldig, dass ich Philipp jetzt ‚Dad‘ nenne, während William und Grace bei dem Unfall alles für mich gegeben haben. Aber wenn Philipp mich ansieht… da ist dieses Leuchten. Als hätte er jahrelang auf diesen Moment gewartet.“
Isabel nahm meine Hand und drückte sie fest. „Sie würden wollen, dass du glücklich bist, Elena. Sie haben dich aufgezogen, damit du heute hier stehen kannst. Und hey, Jennifer und Philipp wirken so, als wollten sie jede Sekunde wiedergutmachen.“
Ich lächelte dankbar. Isabel kannte mich besser als jeder andere. Sie wusste, dass hinter meiner Fassade ein Gefühlschaos tobte.
In diesem Moment vibrierte mein Handy auf dem Tisch. Ein Videoanruf. Als ich das Display sah, begann mein Herz schneller zu schlagen. Alec.
Ich entschuldigte mich kurz bei Isabel und trat ein paar Schritte zur Seite, an eine alte Steinmauer, von der aus man einen Blick auf die funkelnden Lichter des Hafens hatte.
Alec: „Hey, Schönheit.“
Sein Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Er trug Kopfhörer, sein Haar war zerzaust, und im Hintergrund sah ich die riesigen Mischpulte des Studios in New York. Er sah müde aus, aber sein Lächeln war so warm, dass mir fast die Tränen kamen.
Ich: „Hey. Wie läuft die Aufnahme?“
Alec: „Die Jungs machen gerade Pause. Wir haben den ersten Track fast fertig, aber ehrlich gesagt… das Studio ist leer ohne dich. Ich gewöhne mich nicht daran, dass du am anderen Ende der Welt bist.“
Ich: „Ich vermisse dich auch so schrecklich, Alec. Es ist wunderschön hier, aber ich ertappe mich ständig dabei, wie ich mich umdrehe, um dir etwas zu zeigen, und dann bist du nicht da.“
Alec: „Ich verspreche dir, sobald ich hier das letzte Okay für die Aufnahmen gegeben habe, bin ich im nächsten Flieger. Wie geht es dir mit deinen Eltern?“
Ich: „Es ist ein Prozess. Aber sie sind toll. Wir wollen morgen einen Ausflug zur Klinik machen, Mom und Dad wollen uns zeigen wo sie arbeiten.“
Alec: „Genieß es, Elena. Du hast es dir verdient. Ich geh jetzt zurück an die Arbeit – jeder Song, den ich heute aufnehme, bringt mich einen Tag näher zu dir. Ich liebe dich.“
Als ich das Gespräch beendete und an den Tisch zurückkehrte, hatte Isabel bereits zwei Gläser Wein bestellt und grinste mich breit an.
Isabel: „Und? Hat der Rockstar in New York schon Sehnsucht?“
Ich: „Mehr als genug. Er schreibt gerade an neuen Songs.“
Isabel hob ihr Glas. „Dann stoßen wir darauf an. Auf New York, auf Griechenland und darauf, dass du endlich alle Puzzleteile deines Lebens zusammenfügst.“
Wir stießen an, und für diesen einen Abend fühlte sich alles einfach nur leicht an. Die Schatten der Vergangenheit waren weit weg, und die Zukunft in dieser magischen Stadt fühlte sich zum ersten Mal greifbar an.

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