Gerade als Dad die Hand auf die Klinke zur Intensivstation legen wollte, zerriss ein schriller, metallischer Ton die klinische Stille. Es war nicht das sanfte Piepen der Monitore, sondern der alles durchdringende Alarm der Notfall-Pager.
Innerhalb einer Sekunde veränderte sich die Energie im Raum. Die Ruhe, die meine Eltern eben noch ausgestrahlt hatten, wich einer messerscharfen, fast kühlen Präzision.
„Schockraum 1, jetzt!“, rief eine Stimme über den Lautsprecher.
Dad sah mich nur eine Millisekunde lang an. „Elena, Isabel – bleibt hier im Foyer bei Schwester Maria. Keine Widerrede!“ Seine Stimme war nicht mehr die eines Vaters, der stolz seine Klinik zeigte; es war die Stimme eines Kommandanten.
Bevor ich antworten konnte, rannten sie los. Mom band sich im Laufen die Haare zusammen, während Dad bereits seine Handschuhe aus der Tasche zog. Durch die Glasscheiben der automatischen Türen sah ich, wie sich draußen auf dem Landeplatz der Klinik die Rotorblätter eines Hubschraubers in den strahlend blauen Himmel schnitten. Der Lärm war ohrenbetäubend, ein heftiger Kontrast zum idyllischen Morgen.
„Was ist da los?“, flüsterte Isabel, die sichtlich blass geworden war.
„Ein schwerer Unfall auf der Küstenstraße“, antwortete Schwester Maria, die uns sanft in Richtung der Wartesessel schob, ihre Augen aber nicht von den Türen abwandte. „Das passiert hier leider oft. Die Serpentinen sind tückisch.“
Ich konnte mich nicht setzen. Mein Blick klebte an der Glasscheibe. Ich sah, wie die Sanitäter eine Trage aus dem Helikopter rissen. Dahinter erschienen meine Eltern. Sie wirkten plötzlich so klein gegenüber der gewaltigen Maschine und dem Chaos aus Schläuchen und Verbänden auf der Trage.
Ich sah Mom, wie sie sich über den Patienten beugte, ihre Hände fest auf eine Wunde gepresst, während sie im Laufen Anweisungen schrie. Dad dirigierte das Team mit knappen Handzeichen. In diesem Moment wurde mir klar: Hier oben auf dem Felsen kämpften sie jeden Tag gegen den Tod – und der Preis für diesen Stolz, den ich eben noch empfunden hatte, war die ständige Bereitschaft, alles andere stehen und liegen zu lassen. Sogar uns.
Mein Handy vibrierte in meiner Tasche. Eine weitere Nachricht von Alec. Aber ich konnte sie nicht öffnen. Meine Hände zitterten leicht, während ich zusah, wie die roten Lichter über dem Schockraum aufleuchteten.

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