Thorned – Kapitel 45

© Alle Rechte vorbehalten.

Nachdem das rote Licht über dem Schockraum endlich erloschen war, dauerte es noch eine gefühlte Ewigkeit, bis meine Eltern heraustraten. Die Anspannung fiel sichtbar von ihnen ab, als sie uns im Foyer sahen. Die Rückfahrt zum Haus verlief ruhig, fast schon meditativ, während die untergehende Sonne die Olivenhaine in ein goldenes Licht tauchte.

Als wir schließlich die Terrasse erreichten, war die friedliche Stille des Morgens zurückgekehrt. Doch in mir arbeitete es. Der Stolz, den ich in der Klinik empfunden hatte, mischte sich mit den Fragen, die seit meiner Ankunft in Griechenland in meinem Kopf kreisten.

Isabel: „Ich mache uns einen Tee. Ich glaube, wir können alle ein bisschen Ruhe gebrauchen.“

Isabel verschwand leise ins Haus. Ich setzte mich auf die steinerne Bank und sah Jennifer und Philipp an. Sie wirkten hier, in ihrem privaten Reich, plötzlich wieder so vertraut wie die Verwandten, die ich aus meiner Kindheit kannte.

Ich: „Ihr seid unglaublich da drüben in der Klinik. Ich wusste ja, dass ihr Ärzte seid, aber euch so in Aktion zu sehen… das hat mir den Atem verschlagen.“

Philipp: „Danke, Elena. Es bedeutet mir viel, dass du das sagst. Wir wollten immer, dass du stolz auf uns sein kannst, auch wenn wir so weit weg waren.“

Jennifer: (setzt sich sanft neben mich) „Elena, wir wissen, dass der Kontaktabbruch vor all den Jahren schwer zu verstehen war. Wir haben damals geglaubt, es sei das Beste für dich, wenn du bei Grace und William in Australien aufwächst, ohne von unserer komplizierten Vergangenheit hier beeinflusst zu werden.“

Ich spürte einen Kloß im Hals, als sie die Namen ansprach. Der Verlust von Grace und William vor drei Jahren schmerzte noch immer, aber es war kein Vorwurf in meiner Stimme, eher eine tiefe Sehnsucht nach Klarheit.

Ich: „Ich habe sie geliebt. Sie waren wunderbare Eltern. Aber als sie bei dem Unfall starben, war ich plötzlich ganz allein. Ich wusste nicht einmal, dass ihr gar nichts davon wusstet, bis ich vor kurzem zu euch Kontakt aufgenommen habe.“

Jennifer: „Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass du diese schwere Zeit in Melbourne allein durchstehen musstest. Wir haben erst durch dich erfahren, was passiert ist. Hätten wir es gewusst, wären wir sofort in den nächsten Flieger gestiegen.“

Philipp: „Wir haben damals den Kontakt abgebrochen, weil wir dachten, du hättest bei Grace das perfekte Leben. Wir wollten keine Unruhe reinbringen. Jennifer war so jung, als du geboren wurdest… wir wollten dir einfach alle Türen offenhalten.“

Ich lächelte wehmütig und nahm Jennifers Hand. Der Groll war verflogen, ersetzt durch das Verständnis einer erwachsenen Frau, die selbst als Journalistin weiß, wie kompliziert das Leben sein kann.

Ich: „Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das Antworten sucht. Ich bin hier, weil ich euch kennenlernen will – die echten Jennifer und Philipp.“

In meiner Tasche vibrierte das Handy. Ein gewohntes Zeichen aus meiner anderen Welt.

Ich: „Wartet mal kurz, Alec schreibt.“

Ich entsperrte das Display und sah ein neues Foto. Alec stand auf dem Dach eines Gebäudes in New York, die Skyline von Manhattan glitzerte hinter ihm im fahlen Licht des frühen Morgens.

Alec: „Elena, die Stadt wacht gerade erst auf. Wir haben die ganze Nacht am neuen Album gearbeitet. Ich bin k.o., aber glücklich. Ich wünschte, du wärst hier, um mit mir den Sonnenaufgang über dem Hudson zu sehen. Wie war dein Tag in der Klinik? Haben deine Eltern dich sehr beeindruckt? Ich liebe dich.“

Ich zeigte meinen Eltern das Bild. Philipp lachte leise und schüttelte den Kopf.

Philipp: „New York… die Stadt der Träume. Er erinnert mich ein bisschen an mich selbst in dem Alter. Immer auf der Suche nach der nächsten großen Herausforderung.“

Jennifer: „Er liebt dich sehr, das sieht man in seinen Augen, sogar auf diesem kleinen Bildschirm. Er ist dein Anker, so wie Philipp es damals für mich war.“

Ich lehnte mich zurück und blickte hinaus auf die Ägäis. Der Schmerz über Grace und William würde nie ganz vergehen, aber hier, zwischen meinen leiblichen Eltern und den Nachrichten aus New York, fühlte ich mich zum ersten Mal seit drei Jahren nicht mehr allein.

*Sämtliche Bilder wurden mittels KI erstellt und dienen der kreativen Inspiration sowie zur Unterhaltung

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

× Lightbox