——Alec’s Sicht ——
Alec: Der beißende Geruch von abgestandenem Kaffee und überhitzten Verstärkern hing schwer im Raum. Hier im Studio in Brooklyn gab es keine Fenster, kein Zeitgefühl, nur den Rhythmus und das unendliche blaue Licht der Mischpulte.
Luca: (schlug leicht gegen die Glasscheibe der Aufnahmekabine) „Alec, Mann, der letzte Take war Gold! Deine Stimme hat genau diese raue Kante, die wir für ‚Oceans Apart‘ brauchen. Mach mal fünf Minuten Pause.“
Ich nickte nur erschöpft und legte die Kopfhörer beiseite. Mein Nacken knackte, als ich mich dehnte. Ich griff sofort nach meinem Handy, das auf dem Klavier lag. In New York war es tief in der Nacht, was bedeutete, dass in Griechenland gerade der Tag zu Ende ging.
Ich scrollte durch unsere Nachrichten. Elena. Jedes Mal, wenn ich ihren Namen las, fühlte ich diesen vertrauten Stich in der Brust.
Ich (per Text): „Elena, ich hab gerade den Refrain fertig. Er handelt vom Vermissen. Ich hab das Gefühl, ich singe direkt zu dir über den Ozean hinweg. Wie läuft es bei deinen Eltern? Melde dich, sobald du kannst. Ich liebe dich.“
Ich trat hinaus auf die Feuertreppe des Studiogebäudes, um frische Luft zu schnappen. Die Skyline von Manhattan glitzerte in der Ferne wie ein Meer aus Diamanten. Es war alles, wovon ich als Musiker in Melbourne geträumt hatte – und doch fühlte es sich unvollständig an.
Ich musste daran denken, wie Elena vor ein paar Wochen vor mir gestanden hatte, die Geburtsurkunde in den zitternden Händen. Die Entdeckung, dass Jennifer und Philipp ihre leiblichen Eltern sind und nicht Grace und William, hatte alles verändert. Ich war der Einzige gewesen, der sie gehalten hatte, als sie begriff, dass ihre Zieheltern das Geheimnis mit ins Grab genommen hatten.
Mein Handy vibrierte. Ein Videoanruf von ihr. Mein Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich. Ich wischte über das Display und sah ihr Gesicht – sie saß auf einer Terrasse, im Hintergrund das tiefe Blau des Mittelmeers. Aber ihre Augen waren gerötet.
Ich: „Elena! Hey, ich wollte nur kurz deine Stimme hören. Die Aufnahmen im Studio ziehen sich hin, aber ich brauche gerade ein Stück Heimat. Warte… weinst du? Ist bei deinen Eltern alles okay?“
Ich sah, wie sie das Handy etwas drehte. Neben ihr saßen Jennifer und Philipp. Vor ihr auf dem Tisch lag eine alte, dunkelblaue Schatulle.
Elena: „Alec… es ist alles okay. Es ist nur… Jennifer hat mir gerade Briefe gezeigt. Briefe, die sie mir all die Jahre geschrieben hat, ohne dass ich es wusste. Sie wussten wirklich nichts von dem Unfall, Alec. Sie dachten, es ginge mir gut bei Grace und William.“
Ich atmete tief durch und lehnte mich gegen das kalte Metall der Feuertreppe. Die Erleichterung in ihrer Stimme zu hören, war das Beste, was mir heute passieren konnte.
Ich: „Gott sei Dank, Elena. Ich wusste, dass es eine Erklärung geben muss. Zeig mir die Box nochmal?“
Sie hielt die Schatulle in die Kamera. Inmitten der Neonlichter von New York fühlte ich plötzlich die Wärme Griechenlands durch den Bildschirm.
Ich: „Du hast jetzt zwei Familien, Elena. Eine, die dich im Himmel beschützt, und eine, die gerade lernt, wie man dich wieder festhält. Ich wünschte, ich könnte jetzt bei dir sein und dich einfach in den Arm nehmen.“
Luca: (rief aus dem Hintergrund) „Alec! Wir brauchen die Backing Vocals! Jetzt oder nie!“
Ich fluchte leise.
Ich: „Ich muss zurück, Schatz. Aber dieser Song… er ist für dich. Er ist für alles, was du gerade durchmachst. Ich liebe dich, Elena. Wir hören uns morgen, okay?“

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.