Der Morgen begann mit einem vertrauten Licht, das durch die Jalousien unseres Apartments in Melbourne fiel. Während Alec neben mir noch tief schlief, lag ich hellwach da und starrte an die Decke. Die Worte von Chris hallten immer noch nach, aber sie lösten keinen Schmerz mehr aus, sondern eine klare Entschlossenheit. Ich schlich mich aus dem Bett, zog mir eines von Alecs weichen Shirts über und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen. Kurz darauf tauchte Isabel auf, die sich verschlafen gegen den Türrahmen lehnte. Isabel: „Guten Morgen. Du wirkst heute so fokussiert. Hat das Gespräch mit Alec gestern Abend die Geister von gestern vertrieben?“ Ich: „Es hat mir vor allem klargemacht, dass ich nicht zulassen darf, dass Chris meine Geschichte umschreibt. Er tut so, als wäre ich eine kleine Sekretärin, die weggelaufen ist. Er vergisst völlig, dass ich als Journalistin gearbeitet habe, als ich die Band damals kennengelernt habe.“ Isabel: „Stimmt, so fing das alles an. Du warst diejenige, die die Fragen gestellt hat, anstatt sie nur über sich ergehen zu lassen. Du hattest diesen Biss, Elena. Den hast du immer noch.“ Ich: „Genau das ist es. Ich habe damals meinen Job bei der Kanzlei nur angenommen, weil ich dachte, ich bräuchte nach dem ganzen Trubel etwas ‚Sicheres‘. Aber die Wochen in Athen haben mir gezeigt, dass Sicherheit eine Illusion ist. Ich will wieder schreiben, Isabel. Aber auf meine Weise.“ In diesem Moment kam Alec in die Küche, die Haare zerzaust, und schlang von hinten die Arme um mich. Er gab mir einen verschlafenen Kuss auf die Schulter. Alec: „Worüber redet ihr so früh am Morgen? Ich höre Worte wie ‚Biss‘ und ‚Journalismus‘.“ Ich: „Ich habe mich entschieden, Alec. Ich werde mich nicht mehr hinter den Kulissen verstecken. Ich fange wieder an zu schreiben. Ich werde die Tour begleiten, aber nicht als das ‚Anhängsel‘, wie Chris es nannte, sondern als Chronistin. Ich werde die wahre Geschichte dieser Band und dieser Tour dokumentieren – ohne Zensur vom Label, direkt und ehrlich.“ Alec: „Elena, das ist perfekt. Genau so haben wir uns kennengelernt – du hast mir damals Fragen gestellt, die sich kein anderer getraut hat. Du hast hinter die Fassade geblickt. Wenn du das wieder tust, wird es das ehrlichste Porträt sein, das jemals über uns geschrieben wurde.“ Ich: „Ich werde mein eigenes Blog-Projekt starten und meine Kontakte zu den Redaktionen nutzen, für die ich früher gearbeitet habe. Ich will, dass die Leute sehen, was Musik wirklich bedeutet, jenseits der Skandale.“ Alec: „Ich unterstütze dich bei jedem Wort. James und die anderen werden es lieben – sie haben dich damals als Journalistin respektiert, noch bevor du meine Freundin wurdest. Du gehörst in diese Welt, Elena, aber mit deiner eigenen Stimme.“ Ich spürte eine enorme Erleichterung. Zum ersten Mal seit dem Chaos in Athen fühlte ich mich nicht mehr wie eine Getriebene der Umstände, sondern wie die Frau, die vor all dem Chaos ihre Karriere mit Leidenschaft verfolgt hatte.
Thorned – Kapitel 90

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