Wir machten uns kurz darauf auf den Weg, und während mein Vater den Wagen schweigend über die kurvigen Landstraßen steuerte, starrte ich aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden kahlen Bäume, die wie stumme Wächter am Straßenrand standen. Die Fahrt zum See dauerte fast drei Stunden, und je weiter wir uns von unserem Zuhause und dem Ort des Schreckens entfernten, desto mehr legte sich eine seltsame, fast unnatürliche Ruhe über uns alle. Als wir schließlich die kleine Auffahrt zu unserem alten Ferienhaus erreichten, das versteckt zwischen hohen Tannen direkt am Ufer lag, atmete ich zum ersten Mal seit Tagen wieder tief ein, während die kühle, klare Luft meine Lungen füllte.
Philipp: „So, wir sind da, und ich möchte, dass wir jetzt alle erst einmal die Koffer im Haus lassen und kurz zum Steg gehen, um den Kopf freizubekommen, bevor wir uns einrichten und das Abendessen vorbereiten.“
Jennifer: „Das ist eine wunderbare Idee, Philipp, denn die Enge im Auto hat mir richtig zugesetzt, und ich glaube, Elena und Isabel brauchen jetzt nichts dringender als den Blick auf das Wasser, um die Ereignisse mit Jonah endlich ein Stück weit hinter sich zu lassen.“
Wir folgten meinem Vater über den schmalen Waldpfad zum See hinunter, und als wir auf den alten Holzsteg traten, der leise unter unseren Schritten knarrte, breitete sich die spiegelglatte Oberfläche des Sees vor uns aus. Isabel stellte sich direkt neben mich und hakte sich bei mir unter, während sie ihren Blick über das dunkle Wasser schweifen ließ und mir einen aufmunternden Seitenhieb mit dem Ellenbogen gab.
Isabel: „Siehst du, Elena, hier draußen gibt es keine Einbrecher, keine neugierigen Nachbarn und vor allem keine Geister der Vergangenheit, sondern nur uns, diesen verdammt kalten Wind und hoffentlich bald etwas Vernünftiges zu essen.“
Ich: „Es ist wirklich wunderschön hier, und ich bin froh, dass wir hergekommen sind, aber trotzdem fühlt es sich komisch an, dass Alec jetzt wahrscheinlich gerade im Flugzeug sitzt und über den Atlantik rast, während wir hier in dieser absoluten Stille stehen.“
Isabel: „Hör auf, dir den Kopf darüber zu zerbrechen, was er gerade macht, denn er wird wahrscheinlich schlafen oder an neuen Songs arbeiten, und sobald er landet, wird er als Erstes an dich denken, da bin ich mir absolut sicher.“
Jennifer: „Isabel hat recht, Elena, du musst lernen, den Moment zu genießen, auch wenn Alec nicht physisch hier ist, denn diese Tage am See sind ein Geschenk, das uns helfen soll, wieder als Familie zusammenzufinden und die Wunden zu heilen, die dein Onkel aufgerissen hat.“
Ich sah zu meiner Mutter, die trotz der Erschöpfung der letzten Tage wieder einen hoffnungsvollen Glanz in den Augen hatte, und merkte, wie wichtig dieser Tapetenwechsel auch für meine Eltern war, die sich jahrelang Vorwürfe wegen der Lügen meines Onkels gemacht hatten. Wir blieben noch eine Weile dort am Ufer stehen, bis die Sonne langsam hinter den Bergen unterging und den Himmel in ein tiefes Violett tauchte, das mich unweigerlich an die Farben der Bühne erinnerte, auf der ich Alec zum ersten Mal gesehen hatte.
Philipp: „Kommt jetzt, bevor wir hier noch festfrieren, ich habe im Keller noch ein paar alte Brettspiele gefunden und ich fordere euch alle nach dem Essen zu einer Revanche in Monopoly heraus, damit wir mal auf andere Gedanken kommen.“
Ich: „Oh nein, Dad, du weißt genau, dass Isabel beim Monopoly schummelt, sobald man auch nur eine Sekunde wegguckt, aber ich nehme die Herausforderung an, solange wir dabei laut Musik hören dürfen.“
Wir lachten zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder gemeinsam, und als wir zurück zum Haus gingen, spürte ich, wie mein Handy in der Tasche vibrierte – eine kurze Nachricht von Alec, die nur aus einem Herz und den Worten „Bin gleich in New York, ich vermisse dich jetzt schon“ bestand. Ich lächelte vor mich hin und wusste, dass wir diese Tage am See überstehen würden, weil wir einander hatten und weil die Liebe zu Alec stärker war als jede Distanz und jede dunkle Erinnerung.

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