Der Abend war über Melbourne hereingebrochen, und die Lichter der Stadt glitzerten wie verstreute Diamanten unter uns, als wir uns endlich in die Ruhe unseres Apartments zurückziehen konnten. Der Trubel der Pressekonferenz und der unangenehme Zusammenstoß mit Chris fühlten sich nun an wie Szenen aus einem Film, der schon fast zu Ende war. Alec hatte zwei Gläser Wein eingeschenkt und mich auf den Balkon geführt, wo die kühle Brise die Hitze des Tages angenehm vertrieb. Alec: „Endlich… nur wir beide. Ich hatte heute im Van das Gefühl, dass du immer noch über das nachdenkst, was dieser Typ zu dir gesagt hat. Dass du dein Talent verschwendest oder dass deine Karriere ruiniert ist.“ Ich: „Es ist nicht so, dass ich zurück in diese Kanzlei will, Alec. Überhaupt nicht. Aber Chris hat einen wunden Punkt getroffen. Bevor das alles mit uns passierte, war mein Job meine Identität. Jetzt bin ich ‚die Frau an deiner Seite‘ in den Schlagzeilen, und ich frage mich manchmal, wer ich eigentlich in Melbourne sein werde, wenn der Alltag einkehrt. Während du weg warst, um das Album aufzunehmen, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken.“ Alec: „Du wirst nie ’nur‘ die Frau an meiner Seite sein, Elena. Nicht für mich und erst recht nicht für dich selbst. Du hast in Athen so viel Stärke bewiesen, als alles über uns zusammengebrochen ist. Glaubst du wirklich, dass ein Schreibtischjob bei einem Typen wie Chris das Einzige ist, was du kannst?“ Ich: „Ich weiß es nicht. Ich liebe es, bei euch zu sein, aber ich brauche auch etwas Eigenes. Etwas, das nichts mit Kameras oder Backstage-Pässen zu tun hat. Ich will nicht, dass mein Leben nur daraus besteht, auf dich zu warten, während du um die Welt reist und in Studios arbeitest.“ Alec stellte sein Glas ab und nahm meine Hände in seine. Sein Blick war ernst, aber voller Ermutigung. Er schien genau zu verstehen, worum es mir ging. Alec: „Genau das liebe ich an dir. Deine Unabhängigkeit. Und ich habe mir Gedanken gemacht… Du hast mir am Telefon so oft erzählt, wie sehr dich die rechtlichen und organisatorischen Hintergründe interessieren, sogar während des Chaos in Griechenland. Ich habe mit Luca gesprochen – er sagt, wir könnten jemanden gebrauchen, der sich in Melbourne um unsere lokalen Angelegenheiten kümmert, jemandem, dem wir blind vertrauen können. Aber nur, wenn du das willst.“ Ich: „Das bedeutet mir viel. Ich will einfach nur sicher sein, dass wir eine Zukunft haben, in der wir beide wachsen können. Ich will nicht, dass die Schatten von Athen oder Leute wie Chris uns vorschreiben, wer wir zu sein haben, nur weil ich eine Weile aus dem Berufsleben raus war.“ Alec: „Niemand schreibt uns mehr irgendetwas vor. Wir haben das Schlimmste überstanden. Ab jetzt entscheiden wir, wie unsere Geschichte weitergeht. Und wenn du morgen beschließt, etwas völlig anderes zu machen, dann unterstütze ich dich dabei. Ich will, dass du in Melbourne glücklich bist, nicht nur, weil ich hier bin, sondern wegen deines eigenen Weges.“ Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte auf das Lichtermeer hinaus. Die Angst vor der beruflichen Leere, die Chris in mir ausgelöst hatte, wich einer leisen, hoffnungsvollen Neugier. Mit Alec an meiner Seite fühlte sich die Zukunft nicht mehr wie eine Bedrohung an, sondern wie eine weiße Leinwand. Ich: „Danke, Alec. Dass du mich nicht nur als deine Freundin siehst, sondern als die Person, die ich wirklich bin.“ Alec: „Ich sehe dich immer, Elena. Und ich verspreche dir, dass Melbourne für uns beide ein Neuanfang wird, bei dem keiner von uns auf der Strecke bleibt.“
Thorned – Kapitel 88

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